Zuhören und dennoch nicht verstehen

Hörwahrnehmung ist oft Ursache für Konzentrationsprobleme!

Nicht zu sehen trennt von den Dingen, nicht zu hören trennt von den Menschen. (Kant)

Auch wenn das Ohr medizinisch gesund ist, kann es vorkommen, dass trotzdem "schlecht" gehört wird.

Es gibt verschiedene Teilleistungen der Hörwahrnehmung, die durch verschiedene Umstände, wie vergangene oder aktuelle Belastungen oder Krankheiten (Allergien, häufige Mittelohrentzündungen, Polypen, etc.) gestört werden können. 

Das Gehirn - Teilleistungen der Hörwahrnehmung

Der Schall trifft auf das Trommelfell. Das Trommelfell beginnt zu schwingen. Die Hörknöchelchen im Mittelohr verstärken den Schall und aktivieren Härchen in der Schnecke (Cochlea) im Innenohr. Die Härchen wiederum wandeln den Schall in Nervenimpulse um. Diese Impulse werden zu verschiedenen Gehirnregionen weitergeleitet und verarbeitet.

Cocktailparty-Effekt: Laute Umgebung und Hören

Ein Mensch mit einem gesundem Ohr und intakter Hörwahrnehmung ist im Regelfall in der Lage trotz lauter Umgebung einer Unterhaltung eines gegenübersitzenden Menschen zu folgen. 

 

Damit das möglich ist, müssen mehrere Regionen im Gehirn zusammenarbeiten. Unter anderem sind die Teilleistungen *Richtungshören* und *dichotisches Hören* Voraussetzung. Sind diese Teilleistungen nicht ausreichend entwickelt, kann es zu Problemen in Lärmumgebung (Klassensituation) kommen. 

Richtungshören - Wem möchte ich zuhören?

Unser Gehirn ist in der Lage eine Schallquelle zu lokalisieren. Das kann es, weil je nach Richtung der Schall beim linken und rechten Ohr unterschiedlich schnell ankommt. 

Dichotisches Hören - Wer hat was gesagt?

Im Gehirn werden die vom linken und rechten Ohr kommenden Nervenimpulse zusätzlich zeitversetzt verarbeitet. Nur auf einer Seite unseres Gehirns gibt es das Sprachverarbeitungszentrum (Broca- und Wernicke Areal) um die gehörten Laute in ein Wort zu übersetzen. Im Regelfall befindet sich dieses Areal auf der linken Seite. Die Nervenimpulse von links und rechts haben damit einen unterschiedlich langen Weg "durch das Gehirn". Dadurch sind wir auch in der Lage von links und rechts gleichzeitig gesprochene Wörter zu differenzieren und wahrzunehmen. Das wird unter anderem benötigt, um das Gehörte auch als wichtig oder unwichtig bewerten zu können.

 

Neben diesen Teilleistungen gibt es weitere Hörwahrnehmungsleistungen wie zum Beispiel die Lautunterscheidung, Tonhöhenunterscheidung, phonologische Merkfähigkeit, Verarbeitungsgeschwindigkeit usw.

 

Eine gute Zusammenarbeit dieser Teilleistungen ist von Bedeutung.

Was hat das mit Lernproblemen zu tun?

Kinder mit Hörwahrnehmungsproblemen haben es oft schwer zuzuhören, Anweisungen zu folgen oder in Ruhe arbeiten zu können. Der Störlärm wird nicht unterdrückt. Wichtiges kann nicht vom Unwichtigen unterschieden werden. Selbst das Papierrascheln eines anderen Kindes kann ablenken. Das Lernen wird dadurch anstrengender. Kinder können deshalb auch im Verhalten auffallen. Bei jedem Kind wirkt sich das etwas anders aus. Unruhe oder Konzentrationsstörungen können eine Folgeerscheinung sein. Kinder mit Hörwahrnehmungsproblemen können auch eine Lese- und/oder Rechtschreibstörung entwickeln.

AVWS - Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung

Im ICD-10 (internationales Klassifikationssystem für Krankheiten) sind Hörwahrnehmungsprobleme wie AVWS im Bereich der Entwicklungsstörungen zu finden. Die Problematik von AVWS beginnt in der Kindheit (bis zum 4.Lebensjahr) meist durch Störungen oder Krankheiten im HNO-Bereich. Unbehandelt können Symptome der AVWS bis ins Erwachsenalter erhalten bleiben.

 

Im Bildungsministerium gibt es eine eigene Arbeitsgruppe, die sich mit AVWS beschäftigt. Die Auswirkung auf das Lernen ist bekannt. In den Schulen gibt es daher mittlerweile zahlreiche unterstützende Maßnahmen für Kinder mit AVWS.

Eine genaue medizinische und psychologische Abklärung ist wichtig. Es müssen andere Krankheiten und Problematiken ausgeschlossen werden.

 

AVWS kann unter anderem durch eine Hörwahrnehmungstherapie behandelt werden.