Sind Erwachsene mit Autismus verloren?

Autismus kann eine sehr schwierige Diagnose sein – besonders im Erwachsenenalter oder bei Menschen, die früh gelernt haben, sich stark anzupassen.

 

Heute wird deutlich mehr über Autismus gesprochen als noch vor einigen Jahren. Das ist wichtig und hilfreich, weil dadurch viele Menschen überhaupt erst Zugang zu Diagnostik und Unterstützung bekommen. Gleichzeitig zeigt sich aber auch, wie komplex das Thema eigentlich ist.

 

Nicht jedes auffällige Verhalten bedeutet automatisch Autismus.

 

Schwierigkeiten im Kindergarten, in der Schule oder im sozialen Umfeld können viele Ursachen haben. ADHS, AVWS, soziale Überforderung, Angststörungen, Traumata oder andere Entwicklungsbesonderheiten können ähnliche Merkmale zeigen.

 

Teilweise treten diese Bereiche auch gemeinsam mit Autismus auf.

Gerade deshalb ist eine sorgfältige Diagnostik so wichtig.

 

Auf der anderen Seite gibt es viele Erwachsene, die erst sehr spät erkennen oder erfahren, dass sie autistisch sind – manchmal erst mit 30, 40 oder noch später.

 

Der Grund dafür ist oft nicht, dass der Autismus „zu schwach“ wäre, sondern dass viele Menschen über Jahre gelernt haben, sich anzupassen.

 

Sie beobachten soziale Situationen genau, analysieren Verhaltensweisen und entwickeln Strategien, um möglichst nicht aufzufallen. Dieses sogenannte Masking oder Camouflaging beschreibt das bewusste oder unbewusste Verbergen autistischer Merkmale, um sozial besser akzeptiert zu werden oder möglichst nicht aufzufallen. Vielen Menschen hilft es dabei, im Alltag zurechtzukommen.

 

Von außen wirken sie oft vollkommen integriert:

Sie arbeiten, führen Beziehungen, haben Familien, Freundschaften und Interessen.

 

Doch das, was nach außen leicht aussieht, kostet innen häufig enorme Kraft.

 

Viele spät diagnostizierte Erwachsene berichten zusätzlich von:

 

  • chronischer Erschöpfung,
  • Burnout,
  • Depressionen,
  • Angststörungen,
  • Identitätskonflikten

oder dem Gefühl, ihr ganzes Leben „anders“ gewesen zu sein, ohne zu verstehen warum.

Eine späte Diagnose ist dabei kein Versagen.

Und sie bedeutet auch nicht, dass jemand „verloren“ ist.

 

Für viele Menschen ist sie vielmehr eine Erklärung – oft sogar eine Erleichterung. Plötzlich ergeben frühere Erfahrungen Sinn. Dinge, die lange als persönliches Scheitern empfunden wurden, können neu eingeordnet werden.

 

Autismus bedeutet nicht automatisch nur Einschränkung.

Und Autismus bedeutet auch nicht automatisch, dass jemand kein erfülltes Leben führen kann.

 

Das autistische Spektrum ist sehr vielfältig.

 

Wichtig ist jedoch, das Wort „Spektrum“ richtig zu verstehen:

„Spektrum“ bedeutet nicht, dass jemand „ein bisschen autistisch“ ist.

Die diagnostischen Kriterien des Autismus-Spektrums müssen dennoch erfüllt sein.

 

Das Spektrum beschreibt vielmehr, dass sich Autismus bei jedem Menschen unterschiedlich zeigen und verschieden stark auswirken kann.

 

Eine Person kann zum Beispiel große Schwierigkeiten mit sozialen Situationen haben, dafür aber sehr strukturiert denken.

Eine andere Person ist sprachlich stark, kämpft jedoch massiv mit Reizüberflutung.

Wieder andere wirken nach außen unauffällig, erleben innerlich aber täglich Überforderung und Erschöpfung.

 

Kein Autismus gleicht dem anderen.

 

Und genau deshalb ist das Thema so komplex.

 

Vielleicht sollte die Frage deshalb nicht lauten:

„Wie normal wirkt jemand?“

 

Sondern vielmehr:

„Wie viel Energie kostet es jemanden, normal wirken zu müssen?“


"Wir gestalten heute

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(Anja Jaritz)

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